„Die Engel von Moria“ - Endstation Flüchtlingslager?

03. Mai 2021 - Moria

SWR – betrifft, 5.5.21, 20.15
Ein Film von Thomas Diehl
Redaktion Achim Streit und Hans Michael Kassel

„Wie verzweifelt muss man sein, um seinem Kind so eine Schwimmweste anzuziehen? – Das sollte sich jeder Vater, jede Mutter mal fragen“, so Alea Horst, selbst Mutter zweier Kinder. Sie balanciert über riesige Berge von Rettungswesten – Westen von Menschen, die mit dem Schlauchboot nach Lesbos geflohen sind. 40% davon Kinder.

„Mich interessiert nicht in erster Linie, warum die Menschen sich für diesen Schritt entscheiden – mir ist es wichtig, dass sie hier menschenwürdig behandelt werden.“ – Dafür setzt sich Alea Horst ein, seit sie vor vier Jahren zum ersten Mal auf der griechischen Insel Lesbos als Nothelferin vor Ort war. Mittlerweile hat sie dort eine ebenso engagierte wie empathische Mitstreiterin gefunden: die Physiotherapeutin Fabiola Velasquez.

„Viele riskieren auf der Flucht ihr Leben“, sagt sie, „und wenn sie Europa erreichen, kommen sie in ein gefängnisähnliches Lager – hoher Stacheldraht, überall Polizei - unbeheizte Zelte und Baracken, ewigen Schlangen beim Essen, miserable Hygienebedingungen.“ Fabiola lebt auf Lesbos, ist täglich in Kontakt mit den Betroffenen und bekommt mit, wie manche daran zerbrechen: „Einige gehen über die Jahre des sinnlosen Wartens zugrunde an dieser Hoffnungslosigkeit. – Auch Kinder.“

Zum Beispiel Samira: „Ich bin so müde von Moria“, erzählt die Jugendliche Alea bei einem Treffen - und man spürt die Verzweiflung.

Alea kennt Samira seit gut einem Jahr und ist eine wichtige Vertraute für sie geworden.

Sie weiß: Samira ist nicht nur müde von Moria. Sie ist auch ein Stück weit lebensmüde. Um sie irgendwie aufzufangen, hat Alea ihr eine Gitarre aus Deutschland mitgebracht - Samira will Sängerin werden!

49 Kinder aus dem Lager wurden im Jahr 2020 von der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ als selbstmordgefährdet eingestuft. „Das wird bewusst in Kauf genommen von den Verantwortlichen – eine politische Wahl“, so Psychologin Katrin Glatz-Brubakk.

Nachdem das Flüchtlingslager Moria im letzten Sommer abgebrannt war, hofften viele auf einen Neustart. Aber stattdessen kam „Moria 2.0“, wie es viele nennen. – Das neue Lager ist in mancher Hinsicht noch trostloser als das alte.

Der Film begleitet Alea Horst und Fabiola Velasquez bei ihrem Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit in den Flüchtlingslagern. Sie wissen: „Letztendlich ist es ein Tropfen auf dem heißen Stein, was wir tun. Solange es politisch gewollt ist, dass die Zustände in den Lagern so schlecht sind, um Menschen abzuschrecken, die sich auf den Weg nach Europa machen wollen – solange haben wir eigentlich keine Chance.“

Trotzdem geben Alea und Fabiola nicht auf, suchen neue Wege.

Alea vor allem über Facebook: die Fotografin berichtet berührend, mitreißend, sprachlich ausgefeilt und mit exzellenten Bildern über ihre Begegnungen – in den Lagern, auf der Straße, in der Klinik – und in den Büros der Verantwortlichen.

Mittlerweile erreicht sie damit einige 100.000 Nutzer jeden Monat! –

Über die Kontakte von Alea und Fabiola und über Handyaufnahmen eines Lagerbewohners bekommt man im Verlauf des Films Einblick in die Lebensbedingungen der auf Lesbos gestrandeten Menschen, die sonst so kaum möglich sind, zumal: Journalisten ist der Zugang zum neuen Lager faktisch unmöglich!

Nicht nur ein Film „über Moria“ – auch ein Film „aus Moria“.

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